Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem Plan. Sondern mit einer Frage.
In den vergangenen Monaten haben wir innegehalten. Nicht, weil nichts zu tun wäre – im Gegenteil. Sondern weil wir gemerkt haben: Wenn wir Ballenstedt und seine Ortsteile weiterdenken wollen, dann nicht aus dem Bauch heraus, nicht allein, nicht im eigenen Echo.
Also haben wir zugehört: Wir haben Gespräche geführt – mit Menschen aus Verwaltung und Politik, mit Unternehmer:innen, mit Lehrer:innen, Ortsbürgermeister:innen, Engagierten, Rückkehrer:innen und Neubürger:innen. In Interviews, Stadtgesprächen, Visionswerkstätten und Erzählcafés. Manche Gespräche waren geplant, andere sind einfach passiert. Manche sachlich, manche sehr persönlich.
Was dabei entstanden ist, war mehr als eine Auswertung.
Es war ein gemeinsamer Blick auf das, was trägt – und auf das, was fehlt.

„Eigentlich wissen wir, wo die Probleme liegen. Aber wir kommen nicht ins Tun.“ Dieser Satz – oder Varianten davon – ist uns immer wieder begegnet. Es mangelt nicht an Ideen. Nicht an Engagement. Nicht an Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen. Was fehlt, ist oft etwas anderes: Verbindung, Struktur und Handlungsfähigkeit. Viele schildern eine ähnliche Erfahrung: Man sieht, was nötig wäre. Man bringt Vorschläge ein. Und trotzdem passiert wenig – oder es dauert so lange, dass die Energie unterwegs verloren geht.
Zwischen Stolz und Sorge
In fast allen Gesprächen war beides spürbar: eine große Verbundenheit mit dem Ort – und eine tiefe Sorge um seine Zukunft. Da ist der Stolz auf Vereine, auf Zusammenhalt, auf Feste, die mit viel Herzblut organisiert werden. Auf Schulen, die trotz widriger Bedingungen neue Wege gehen. Auf Menschen, die bleiben, zurückkehren oder bewusst neu hierherziehen. Und gleichzeitig die Angst vor dem, was bröckelt: „Die Geburtenzahlen gehen runter. Wir kämpfen um Kitas, um Schulen –
und wissen nicht, wie lange das noch gut geht.„
Verwaltung, Politik – und das Gefühl von Abstand
Ein sensibles, aber zentrales Thema war die Wahrnehmung von Verwaltung und Politik. Viele erleben hier weniger Gestaltung als Verwaltung, weniger Dialog als Zuständigkeiten. „Ich wünsche mir, dass man erst mal zuhört – und nicht sofort erklärt, warum etwas nicht geht.“ Gleichzeitig wurde auch deutlich: Die Herausforderungen sind real. Personalmangel, fehlende Jahresabschlüsse, knappe Ressourcen. Niemand hat einfache Lösungen erwartet. Aber viele wünschen sich Haltung, Transparenz und Mut. „Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen. Sondern darum, überhaupt anzufangen.“
Jugend, Bildung und Orte, die bleiben
Ein erstaunlich klarer gemeinsamer Nenner: Die Zukunft entscheidet sich an Bildung, Jugend und sozialen Orten. Schulen, Jugendclubs, Vereine, Begegnungsorte – sie sind mehr als Angebote. Sie sind Anker. Orte, an denen Zugehörigkeit entsteht, Verantwortung gelernt wird, Gemeinschaft erfahrbar ist. „Ich wäre heute nicht der, der ich bin, ohne den Jugendclub. Da habe ich gelernt, Dinge selbst in die Hand zu nehmen.“ Gleichzeitig zeigen sich hier die größten Brüche: fehlende Räume, überlastete Strukturen, zu wenig Abstimmung zwischen Akteuren.
Was wir gelernt haben
Aus all den Gesprächen lässt sich kein einfacher Maßnahmenkatalog ableiten. Aber ein klares Bild: Die Themen sind bekannt. Die Menschen sind bereit. Was fehlt, sind Brücken zwischen Akteuren, klare Prozesse und jemand, der dranbleibt. Oder, wie es eine Person formuliert hat: „Wir brauchen weniger Einzelaktionen – und mehr jemanden, der die Fäden zusammenhält.“
Und jetzt?
Diese Auswertung ist für uns kein Abschluss. Sie ist ein Anfang. Ein gemeinsames Innehalten. Ein Spiegel. Und eine Einladung, weiterzugehen – gemeinsam, Schritt für Schritt. Wir nehmen aus diesem Prozess eine klare Ausrichtung mit: „Wir als heimatBEWEGEN wollen verbinden. Prozesse stärken. Beteiligung ernst nehmen. Und dort arbeiten, wo Handlungsfähigkeit entsteht – nicht nur schöne Bilder. Was daraus konkret wird, wollen wir nicht allein entscheiden. Denn eines haben uns die Gespräche sehr deutlich gezeigt: Entwicklung gelingt nicht im Alleingang. Sie beginnt dort, wo Menschen sich wirklich begegnen.„
Perspektiven öffnen – und ins Handeln kommen
Die gesammelten Stimmen, Einschätzungen und Erfahrungen lassen sich lesen wie eine Landkarte: Sie zeigen Spannungsfelder, blinde Flecken, aber auch überraschend viele gemeinsame Linien. Genau hier liegt ihr Wert. Die Daten sind kein fertiges Konzept und kein Maßnahmenkatalog. Sie sind ein Arbeitsmaterial.
Für Verwaltung und Politik können sie helfen, Prioritäten zu schärfen: Wo entsteht Frust – und warum? Wo gibt es Bereitschaft zur Mitwirkung, die bislang nicht abgeholt wird? Für Engagierte, Vereine und Initiativen machen sie sichtbar: Wir stehen mit unseren Fragen nicht allein. Andere ringen mit ähnlichen Herausforderungen – und könnten Verbündete sein. Für Unternehmer:innen, Schulen und soziale Akteure eröffnen sie neue Anknüpfungspunkte: Wo ergänzen sich Perspektiven, wo lassen sich Aufgaben teilen, wo braucht es neue Allianzen?
„Perspektiven öffnen“ heißt für uns: Die Auswertung nicht als Abschluss zu verstehen, sondern als Einladung. Die Daten können Diskussionen versachlichen, Vertrauen aufbauen und Gespräche ermöglichen, die sonst schwerfallen. Sie können Grundlage sein für Workshops, für strategische Klärungen, für neue Kooperationen – oder ganz konkret für die Frage: Was wäre ein nächster, realistischer Schritt?
Wir glauben: Wenn viele ihre eigene Perspektive darin wiederfinden – und gleichzeitig die der anderen sehen –, entsteht etwas Entscheidendes. Nicht sofort Lösungen. Aber Bewegung. Und damit genau das, was in vielen Gesprächen gefehlt hat: das Gefühl, gemeinsam handlungsfähig zu sein.
Download
Auswertung der Interviews mit Vertreter*innen
aus Wirtschaft, Kirche, Kommune & Bürgerschaft
Dokumentation Visionswerkstatt „Stadt(T)raum“
Dokumentation Stadtgespräch „Mein Engagement & ich“
Dokumentation Stadtgespräch „Wilde Allianzen für Stadt & Land“
Dokumentation Stadtgespräch „Wilde Allianzen für die Bildung“
Vertiefende Auswertungen & Arbeitsmaterialien
aus unserem Forschungsprojekt WIR IN REGIONEN
Unsere Arbeit bündelt sich aus verschiedenen Förderprojekten



