Ein Stadtgespräch über den Wert historischer Orte
Was ist ein altes Gebäude eigentlich wert? Die Summe, die jemand dafür bezahlen würde? Die Kosten seiner Sanierung? Die Geschichten, die es bewahrt? Oder das, was Menschen daraus noch machen können? Bei unserem Stadtgespräch auf Gut Ziegenberg wurde schnell klar: So einfach ist die Rechnung nicht.
Am letzen Sonntag im August haben wir auf Gut Ziegenberg über alte Häuser gesprochen. Über Denkmalschutz und Sanierung, Handwerk und Förderprogramme, Erinnerungen und neue Nutzungen. Und ziemlich schnell waren wir bei einer viel größeren Frage: Wer übernimmt eigentlich Verantwortung für solche Orte? Mit uns diskutierten Historikerin Regine Heubaum, Ole – fremd freireisender Zimmerer auf der Walz, Bauingenieurin Antje Wegener und Matthias Zimmer-Belter, Restaurator und Vertreter des Denkmalschutzes und Menschen aus dem Publikum. Und sie alle blickten aus einer anderen Perspektive auf die Frage: Braucht es das noch oder kann das weg?
Häuser haben Gesichter
Häuser haben Gesichter, sagte Antje Wegener. Ein ziemlich schöner Satz für das, worüber wir an diesem Nachmittag gesprochen haben. Denn wer sich auf ein altes Gebäude einlässt, übernimmt eben nicht einfach nur Quadratmeter, Dach, Fenster und Mauerwerk. Man übernimmt Geschichte. Man entdeckt alte Handwerkstechniken, frühere Nutzungen und manchmal ziemlich eigensinnige bauliche Lösungen. Und man beginnt zu verstehen, warum ein Gebäude so geworden ist, wie es heute dasteht. Man lernt von jedem Haus, sagte Antje.
Deshalb beginnt gutes Bauen im Bestand für sie mit Zuhören und Hinschauen. Und mit Dialog. Zwischen Eigentümer, Planenden, Handwerk, Denkmalschutz und den Menschen, die einen Ort später nutzen sollen. Es braucht dafür viele Puzzleteile: Fachwissen, Leidenschaft, Berufung, Liebe und Herz.


Es braucht aber auch Bock
Sehr viel pragmatischer brachte es Ole auf den Punkt. Er ist als Zimmerer auf der Walz unterwegs und arbeitet derzeit gemeinsam mit anderen Wandergesell bei einer Sommerbaustelle in der Freien Feldlage bei Harzgerode. Einen Monat lang schenken die Gesell dem Projekt ihre Arbeitskraft und helfen dabei, den historischen Saal des ehemaligen Heilstättengeländes zu erhalten.
Warum macht man so etwas? Weil die Arbeit spannend ist. Weil der Ort eine Geschichte hat. Weil am Ende etwas bleibt. Und weil es ein ziemlich gutes Gefühl sein kann, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen, von dem andere Menschen profitieren. Oder, wie Ole es wesentlich kürzer formulierte: Es braucht Bock, etwas zu machen.
Vielleicht beginnt genau dort vieles. Nicht mit einem Förderantrag. Nicht mit einer Machbarkeitsstudie. Sondern mit Menschen, die einen Ort sehen und denken: Da könnte doch etwas gehen.
Aus dem machen, was da ist
Ein Gedanke zog sich durch fast das gesamte Gespräch: Alte Gebäude müssen nicht zwangsläufig an unsere heutigen Vorstellungen angepasst werden. Man kann die Frage auch umdrehen: Was lässt sich aus dem entwickeln, was schon da ist. Besondere Räume, ungewöhnliche Grundrisse, alte Materialien oder Spuren früherer Nutzungen können zum Ausgangspunkt für etwas Neues werden. Im besten Fall entsteht gerade daraus ein Alleinstellungsmerkmal.
Das heißt allerdings nicht, jeden alten Stein um jeden Preis retten zu müssen. Auch darüber wurde offen gesprochen. Wie viel darf der Erhalt eines Gebäudes kosten? Wo sind hohe Investitionen gerechtfertigt? Wann ist ein Gebäude zwar denkmalwürdig, unter den gegebenen Bedingungen aber vielleicht nicht mehr denkmalfähig? Und wie viel Idealismus verträgt eigentlich eine Wirtschaftlichkeitsberechnung? Einfache Antworten gab es darauf nicht.


Denkmalschutz ist nicht der Feind
Auch ein anderes verbreitetes Bild bekam im Gespräch einige Risse: das vom Denkmalschutz als Verhinderer. Natürlich setzt Denkmalschutz Grenzen. Aber er kann auch Beratung sein. Er hilft dabei zu verstehen, was einen Ort besonders macht und welche Elemente bewahrt werden sollten. Entscheidend ist, früh miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn am Ende geht es nicht darum, historische Gebäude unter eine Käseglocke zu stellen. Sie dürfen sich verändern. Sie brauchen sogar Veränderung, wenn sie weiter genutzt werden sollen. Aber sie sollten dabei nicht ihr Gesicht verlieren.
Spaß und Katastrophe in einem
Wie wenig romantisch das alles manchmal ist, brachte jemand aus dem Publikum wunderbar auf den Punkt: Alte Orte wiederzubeleben ist „Spaß und Katastrophe in einem“. Wer sich darauf einlässt, kennt vermutlich beides. Die Euphorie, wenn plötzlich Menschen kommen, Ideen entstehen und ein lange leerer Raum wieder voller Leben ist. Und die andere Seite: das kaputte Dach, die nächste Auflage, unerwartete Kosten, fehlende Zeit, komplizierte Förderbedingungen und die Frage, warum man sich das eigentlich antut. Gerade Förderlogiken passen dabei nicht immer zu der Art, wie solche Orte tatsächlich entstehen. Manchmal soll bereits Schritt zwei genau beschrieben sein, obwohl Schritt eins noch gar nicht abgeschlossen ist. Dabei entwickeln sich Nutzungsideen häufig erst durch das Tun. Menschen müssen einen Ort erleben können. Dinge ausprobieren. Scheitern. Neu anfangen. Andere Menschen kennenlernen. Und manchmal entsteht erst daraus die Idee, die vorher niemand auf dem Papier hätte formulieren können.


Beteiligung schafft Verbindung
Das zeigt auch die Freie Feldlage. Regine Heubaum lebt seit 2020 selbst in der ehemaligen Lungenheilstätte. Heute entwickelt dort eine Gemeinschaft ein genossenschaftliches Wohnmodell und versucht gleichzeitig, die Geschichte des Ortes zu bewahren. Ein solches Vorhaben lebt von unglaublich viel Eigeninitiative und Ehrenamt. Aber es braucht auch Unterstützung und Wertschätzung von außen. Denn neue Formen des Zusammenlebens und der Nutzung werden nicht automatisch verstanden. Von außen werde die Freie Feldlage auch schon einmal als „Hippiebude“ wahrgenommen, erzählte Regine. Umso wichtiger ist es, Türen zu öffnen. Wer einen Ort kennenlernen, mitmachen und selbst etwas beitragen kann, entwickelt eine andere Beziehung zu ihm. Aus einem fremden Gebäude wird vielleicht irgendwann „unser Ort“.
Aber wer kümmert sich eigentlich?
Und damit waren wir bei einer Frage, die uns bei heimatBEWEGEN schon lange beschäftigt: Wer übernimmt Verantwortung für Orte? Formal ist die Antwort zunächst einfach: die Eigentümer. In der Realität wird es komplizierter. Denn wenn historische Gebäude das Gesicht einer Stadt prägen, Erinnerungen bewahren, Räume für Gemeinschaft bieten oder für einen ganzen Ort wichtig sind, haben sie eben auch einen gesellschaftlichen Wert. Trotzdem kann die Antwort nicht lauten: Das Ehrenamt wird es schon richten.
Ehrenamt kann Dinge anstoßen. Es kann zeigen, was möglich ist. Es kann Menschen zusammenbringen, Türen öffnen, ausprobieren und manchmal Unwahrscheinliches möglich machen. Aber es kann verlässliche Strukturen nicht dauerhaft ersetzen. Vielleicht müssen wir deshalb auch Verantwortung anders denken. Nicht jede und jeder muss gleich ein ganzes Gebäude retten. Man kann einen Tag mitbauen. Eine Geschichte erzählen. Einen Workshop anbieten. Einen Raum nutzen. Eine Idee entwickeln. Wissen weitergeben. Menschen zusammenbringen. Viele kleine Beiträge können einen Ort verändern.


Und nun: Kann das weg?
Nach diesem Nachmittag ist unsere Ausgangsfrage nicht einfacher geworden. Und vielleicht ist genau das die Antwort. Natürlich kann nicht jedes alte Gebäude erhalten werden. Manchmal sind Zustand, Kosten oder fehlende Nutzungsperspektiven tatsächlich zu große Hindernisse. Aber bevor etwas verschwindet, sollten wir vielleicht ein paar Fragen mehr stellen:
Welche Geschichte verschwindet mit diesem Ort? Welches Wissen steckt in ihm? Was ist bereits da, auf dem sich aufbauen ließe? Wer könnte diesen Ort brauchen? Und was könnte hier entstehen, wenn wir Menschen die Möglichkeit geben, es herauszufinden? Denn manches hat vielleicht keinen besonders hohen Marktwert. Und kann trotzdem unbezahlbar sein.

„Die Heilstätte Harzgerode 1931–1998 – Ein Blick in die Geschichte“
Die Ausstellung des Freundeskreisvereins der Gemeinschaft in der Heilstätte Harzgerode beleuchtet die Geschichte der ehemaligen Tuberkulose-Heilstätte nahe Harzgerode – von ihrer Eröffnung im Jahr 1931 bis zu ihrer Schließung 1998. Sie erzählt vom Alltag während des Nationalsozialismus, von den Erfahrungen ehemaliger Patientinnen und Patienten in der DDR und macht anhand von Archivquellen sowie persönlichen Erinnerungen sichtbar, wie eng Architektur, Zeitgeschichte und individuelle Lebensgeschichten miteinander verbunden sind.
Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll: Gebäude sind weit mehr als Mauern aus Stein. Sie bewahren Erinnerungen, erzählen von gesellschaftlichem Wandel und verbinden Generationen. Im anschließenden Stadtgespräch möchten wir gemeinsam mit Engagierten, Fachleuten und allen Interessierten darüber sprechen, was historische Orte für uns heute bedeuten. Welche Werte lassen sich bewahren? Welche neuen Perspektiven entstehen durch ihre Nutzung? Und wann wird aus einem alten Gebäude mehr als ein Denkmal – nämlich ein Ort, der Menschen zusammenbringt und Zukunft gestaltet?
Wir laden Sie herzlich ein, mitzudenken, mitzudiskutieren und gemeinsam
zu entdecken, warum manches keinen Preis hat und dennoch unbezahlbar ist.



Unsere Gäste

Regine Heubaum
Regine Heubaum ist Historikerin mit dem Schwerpunkt NS-Geschichte und lebt seit 2020 in der Freien Feldlage Gernrode – in der ehemaligen Lungenheilstätte selbst. Durch ihre langjährige Tätigkeit in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora und ihre wissenschaftliche Arbeit verbindet sie historische Forschung mit lebendiger Vermittlung. Für die Freie Feldlage hat sie eine Ausstellung zur Geschichte der ehemaligen Heilstätte konzipiert, die im Anschluss an das Stadtgespräch für zwei Wochen auf Gut Ziegenberg zu sehen sein wird. Sie bringt die Perspektive mit, wie historische Orte ihre Geschichte bewahren und gleichzeitig zu lebendigen Orten der Begegnung und des Austauschs werden können.

Ole – fremd freireisender Zimmerer
Ole ist als fremd freireisender Zimmerer auf der Walz unterwegs und Teil der diesjährigen Sommerbaustelle der Wandergesellen in der Freien Feldlage Harzgerode. Gemeinsam mit vielen weiteren Handwerkerinnen und Handwerkern arbeitet er dort an der Sanierung des historischen Saals. Er steht für traditionelles Handwerk, gemeinschaftliches Arbeiten und die besondere Kultur der Wanderschaft – eine Perspektive, die zeigt, wie altes Wissen bis heute weitergegeben und gelebt wird.

Antje Wegener
Antje Wegener ist selbstständige Bauingenieurin und begleitet seit vielen Jahren Projekte rund um den Erhalt historischer Gebäude. Sie gehörte zu den Menschen, die die Entwicklung von Gut Ziegenberg von Beginn an ehrenamtlich mit angestoßen und mit ihrer fachlichen Expertise begleitet haben. Ihr besonderes Anliegen ist es, den Charakter alter Bauwerke zu bewahren und ihnen gleichzeitig eine neue, zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen – denn genau darin liegt für sie der besondere Charme des Bauens im Bestand.

Matthias Zimmer-Belter
Matthias Zimmer-Belter ist Diplomrestaurator aus Halberstadt. Er ist im Bereich der Denkmalpflege und Restaurierung aktiv und arbeitet insbesondere an historischen Objekten in der Region. Unter anderem begleitete er Restaurierungsarbeiten an bedeutenden Kulturdenkmälern wie den historischen Holzstrukturen und Fußböden auf dem Stiftsberg in Quedlinburg.

Nicole Müller
Nicole Müller ist Vorsitzende des heimatBEWEGEN e.V. und begleitet seit vielen Jahren Projekte, die Menschen zusammenbringen und historische Orte mit neuem Leben füllen. Mit Gut Ziegenberg verfolgt sie das Ziel, Denkmalschutz, bürgerschaftliches Engagement und nachhaltige Entwicklung miteinander zu verbinden. Als Moderatorin führt sie durch den Abend und lädt die Gäste dazu ein, gemeinsam über die Zukunft alter Gebäude ins Gespräch zu kommen.
Gefördert durch
Die organisatorische Einbettung, Vernetzung im Sozialraum sowie die projektbezogene Begleitung der Beteiligungs- und Werkstattformate erfolgen im Rahmen des Projekts WERKStadt – Orte zum Hören, Fühlen, Begreifen & Mitmachen, das durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) im Bundesprogramm Ländliche Entwicklung und Regionale Wertschöpfung (BULEplus) gefördert wird.
