Europa zu Gast in Ballenstedt
Für zehn Tage wurde Ballenstedt zum internationalen Campus. 46 Studierende und Dozierende von sieben europäischen Hochschulen kamen im Rahmen eines internationalen Regie- und Theaterworkshops in die Stadt, um gemeinsam zu arbeiten, voneinander zu lernen und neue künstlerische Perspektiven zu entwickeln. Die Teilnehmenden reisten aus Deutschland, Portugal, Schweden, Finnland, den Niederlanden, Dänemark und Tschechien an. Begleitet wurden sie von dem amerikanische Regisseur und Schauspieldozent Mark W. Travis, der seit vielen Jahren mit Kunsthochschulen und Theaterschaffenden auf der ganzen Welt arbeitet.
Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur Theater und Regie, sondern vor allem Begegnungen zwischen Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Lebenswelten. Viele der internationalen Gäste waren während ihres Aufenthalts in Gastfamilien untergebracht. Dadurch entstanden persönliche Kontakte. Aus Gastgebern wurden Gesprächspartner, aus Fremden wurden Bekannte. Gemeinsame Begegnungen und Gespräche machten Europa ganz unmittelbar erlebbar – nicht in Konferenzräumen, sondern am Küchentisch, im Garten oder bei einem Spaziergang durch die Stadt.




Etwas ganz besonderes war der Mittsommerabend auf Gut Ziegenberg. Internationale Gäste und Gastfamilien kamen zusammen, sangen bei einem spontanen Karaoke-Abend Lieder aus ihren Heimatländern, erzählten Geschichten und tauschten Erfahrungen aus. Zwischen portugiesischen, finnischen, niederländischen, tschechischen und deutschen Liedern entstand eine Atmosphäre, die zeigte, wie einfach Verständigung manchmal sein kann, wenn Menschen neugierig aufeinander sind. Ganz nebenbei lief die Fußball-Weltmeisterschaft. Gemeinsam wurde das Spiel der Niederlande gegen Schweden verfolgt, mitgefiebert, diskutiert und natürlich auch ein wenig gefachsimpelt. Es war einfach ein Sommerabend unter Freunden – mitten in Ballenstedt.
Viele der Teilnehmenden waren zum ersten Mal in Sachsen-Anhalt und nehmen ihre Eindrücke von Ballenstedt mit zurück in ihre Heimatländer. So wird die Stadt Teil eines internationalen Netzwerks aus Hochschulen, Künstlerinnen, Künstlern und Studierenden – nicht nur für die Dauer des Workshops, sondern oft weit darüber hinaus. Natürlich wird Ballenstedt dadurch nicht über Nacht zu einer internationalen Kulturmetropole. Doch vielleicht liegt gerade darin die besondere Stärke solcher Projekte: Sie bringen neue Perspektiven in die Stadt, schaffen Offenheit und ermöglichen Erfahrungen, die im Alltag einer Kleinstadt nicht selbstverständlich sind.
Während der Workshopwoche wurden verschiedene Orte in und um Ballenstedt zu Lern-, Proben- und Begegnungsräumen. Neben Gut Ziegenberg waren auch das Schlosstheater Ballenstedt und die Kirche St. Petri in Opperode Teil des Programms. Die internationalen Studierenden arbeiteten damit nicht abgeschirmt auf einem Campus, sondern mitten in der Region. Kulturhistorische Orte wurden zu lebendigen Arbeitsräumen, an denen internationale Zusammenarbeit unmittelbar sichtbar wurde.
Was bleibt, sind nicht nur Erinnerungen an eine intensive Woche, sondern neue Kontakte, Freundschaften und Perspektiven. Viele der Teilnehmenden werden Ballenstedt als einen Ort in Erinnerung behalten, an dem Europa im Kleinen erlebbar wurde. Und auch für die Menschen vor Ort entstand die Erfahrung, dass internationale Begegnung nicht nur in Großstädten oder an Universitäten stattfindet, sondern ebenso in einer Kleinstadt wie Ballenstedt. Gerade darin liegt eine besondere Stärke ländlicher Räume: Sie bieten Raum für echte Begegnungen – persönlich, unmittelbar und auf Augenhöhe.












Eine Woche voller Begegnungen
Auch für die Region blieb der Workshop nicht ohne Wirkung. Die internationalen Studierenden besuchten unter anderem die Abschlusspräsentationen der Projektwoche Trash to Fashion und Error Music sowie den Skate-Contest auf der Multisportanlage. So entstanden zahlreiche Begegnungen mit jungen Menschen aus Ballenstedt. Für die Menschen aus Ballenstedt war es eine besondere Erfahrung, Menschen aus unterschiedlichen Ländern kennenzulernen und zu erleben, wie selbstverständlich internationale Zusammenarbeit funktionieren kann.
Dieses Seminar war mit Abstand die Lehrveranstaltung, in der ich am meisten gelernt habe. Die Erfahrungen aus dieser Woche werden mich wahrscheinlich noch lange nach meinem Studium begleiten – vielleicht sogar mein ganzes Leben.
Tobias Bernt
Student der Medienbildung, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Gefördert durch

Im Rahmen des Projekts WERKStadt – Orte zum Hören, Fühlen, Begreifen & Mitmachen, gefördert durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) im Bundesprogramm Ländliche Entwicklung und Regionale Wertschöpfung (BULEplus), werden insbesondere die organisatorische Einbettung und sozialräumliche Umsetzung vor Ort ermöglicht. Dazu zählen unter anderem die Aktivierung und temporäre Nutzung verschiedener Orte und Leerstände in Ballenstedt, die Vernetzung mit lokalen Akteur, die Unterstützung bei der Unterbringung und sozialräumlichen Einbindung der Studierenden sowie die Öffnung einzelner Formate und Begegnungsräume für die Stadtgesellschaft.
Die inhaltliche Gestaltung des Regie- und Theaterworkshops, die akademische Begleitung sowie die Einbindung internationaler Studierender erfolgen über die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und internationale Hochschulkooperationen, unter anderem im Rahmen des Erasmus-Programms. Die Zusammenarbeit entstand über die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und deren europäisches Hochschulnetzwerk EU GREEN Alliance. Innerhalb dieses Netzwerks werden sogenannte Blended Intensive Programmes (BIP) organisiert – internationale Lehrformate, bei denen Studierende aus verschiedenen europäischen Hochschulen gemeinsam an einem Thema arbeiten. In diesem Fall ging es um Regie und Schauspiel unter der Leitung des amerikanischen Regisseurs und Schauspieldozenten Mark W. Travis. Gemeinsam mit der Medienwerkstatt der Universität Magdeburg – in Person die Dozentin Jana Richter – entstand die Idee, den Workshop nicht auf einem klassischen Campus stattfinden zu lassen, sondern mitten in Ballenstedt. Das passt sehr gut zum Gedanken des Kunstkurorts Zauberberg: Lernen findet nicht nur in Seminarräumen statt, sondern im Austausch mit Orten, Menschen und ihrer Geschichte.

Durch die Zusammenarbeit entstehen neue Begegnungsräume zwischen Studierenden, internationalen Gästen und Bürgern vor Ort. Gleichzeitig werden kulturelle Orte, Leerstände und gemeinschaftlich genutzte Räume temporär aktiviert und als offene Lern-, Kultur- und Begegnungsorte im Sozialraum erprobt.
Fotografie
Detlef Heydecke & Lisa Schmidt
Europe Comes to Ballenstedt
For ten days, the small town of Ballenstedt became an international campus. Forty-six students and lecturers from seven European universities came together with American director and acting teacher Mark W. Travis to explore directing, theatre, and collaborative artistic practice. Participants travelled from Germany, Portugal, Sweden, Finland, the Netherlands, Denmark and the Czech Republic. Yet the workshop quickly became about much more than theatre.
It became an experience of Europe. Instead of staying on a university campus, many participants lived with local host families. Conversations happened around kitchen tables, in gardens, over shared meals and evening walks through town. Hosts became friends, strangers became familiar faces, and cultural exchange became part of everyday life.
One evening captured this spirit particularly well. At Gut Ziegenberg, students, lecturers and host families gathered to celebrate Midsummer. A spontaneous karaoke evening emerged, with songs from Portugal, Finland, Sweden, the Netherlands, the Czech Republic and Germany filling the air. At the same time, people watched the FIFA World Cup together, cheering, laughing and discussing the match between the Netherlands and Sweden. It was not an organised cultural programme—it simply felt like friends spending a summer evening together.
Throughout the workshop, Ballenstedt itself became part of the learning experience. Historic places such as Ballenstedt Castle Theatre, St. Petri Church in Opperode and Gut Ziegenberg were transformed into rehearsal spaces, classrooms and meeting places. Rather than being separated from local life, the international group worked in the middle of the community, allowing residents and visitors to encounter one another naturally.
The exchange reached far beyond the theatre workshop itself. Participants attended the public presentations of the Trash to Fashion and Error Music projects, as well as the Ballenstedt Skate Contest. Young people from the town met students from across Europe, discovering that international collaboration is not something reserved for large cities or prestigious universities—it can happen just as naturally in a small rural community.
Many participants visited Saxony-Anhalt for the first time and will carry memories of Ballenstedt back to their home countries. In doing so, the town becomes part of an international network of universities, artists and creative practitioners that extends far beyond these ten days.
Ballenstedt will not suddenly become an international cultural capital—and that is not the point. The strength of projects like this lies elsewhere. They create spaces where people meet across languages, cultures and generations. They invite curiosity instead of certainty and dialogue instead of distance. They remind us that Europe is not only built through institutions or policies, but through shared experiences, hospitality and human connection.
For a brief moment, Ballenstedt became a place where Europe could be experienced—not as an idea, but as everyday life.