Zehn Tage lang war Ballenstedt Gastgeber für Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern, Generationen und künstlerischen Welten. 46 Studierende und Dozierende aus sieben europäischen Ländern arbeiteten gemeinsam mit dem amerikanischen Regisseur Mark W. Travis im Schlosstheater, auf Gut Ziegenberg und in der Kirche St. Petri in Opperode. Parallel fanden Workshops mit Kindern und Jugendlichen statt – von Trash-to-Fashion über Error Music. Und am Ende der Woche ein Skate Contest. Scheinbar waren wir mal wieder etwas irre bei der Ideenfindung.
Und ich gebe ehrlich zu: Ich hatte Respekt vor dieser Woche. Nicht nur ein bisschen. Sondern richtig. So viele Menschen. So viele Orte. So viele Bedürfnisse. Gastfamilien, Workshops, Essen, Technik, Absprachen, Jugendliche, internationale Gäste.
Und dann kamen sie die jungen Menschen aus Portugal, Finnland, Schweden, den Niederlanden, Dänemark, Tschechien und Deutschland. Für zehn Tage nach Ballenstedt. Mark und Elsha aus Hawaii – einmal um die halbe Welt gereist, um hier mit uns zu arbeiten. Das DJKollektiv Yosa, Tash und Enrika aus Berlin.
Und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass unsere kleine Stadt für einen Moment mitten in Europa lag. Überall hörte man andere Sprachen. Überall begegneten sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten. Und trotzdem fühlte sich das alles erstaunlich selbstverständlich an. Und das hat mich irgendwie ganz schön stolz gemacht. Dass Menschen aus so vielen Ländern auf unserem Gut Ziegenberg zusammenkommen. Dass sie im Schlosstheater arbeiten, in der Kirche St. Petri in Opperode proben, durch unsere Stadt laufen und Ballenstedt für ein paar Tage selbstverständlich zu ihrem Zuhause machen. Das war ein ganz besonderes Gefühl.
Besonders schön war unser Mittsommerabend (Midsommar) mit den Gastfamilien auf dem Gut Ziegenberg. Eigentlich interessiere ich mich überhaupt nicht für Fußball. Aber plötzlich war es wichtig, dass die Niederlande gewinnen. Weil unsere holländischen Studierenden in ihren orangenen Trikots mitgefiebert haben. Jeder freute sich mit jedem. Niemand dachte in Nationalitäten. Es war einfach schön. Und dann wurde gemeinsam Gesungen beim Karaoke. Deutsche sangen Nena. Portugiesische Lieder wurden angestimmt. Finnische, schwedische und niederländische Songs folgten. Niemand musste perfekt sein. Jeder machte einfach mit. Es wurde gelacht, gesungen und gefeiert. Und am Ende war das für mich Europa. Nicht als politisches Projekt. Sondern als gemeinsamer Abend. Als vielfältige Gemeinschaft.

Besonders berührt hat mich auch, wie sich die Welten miteinander verbunden haben. Während auf dem Gut Ziegenberg die Kinder und Jugendlichen an ihren Projekten arbeiteten, begegneten sie ganz selbstverständlich den internationalen Studierenden. Überall wurde Englisch gesprochen. Überall wurde gearbeitet, gebastelt, gegessen, geredet und gelacht. Und am Ende kamen die Studierenden zur Abschlusspräsentation der Jugendlichen in den Feinkost Club. Die Kinder präsentierten ihre Arbeiten vor einem internationalen Publikum. Eltern, Studierende, Künstlerinnen und Künstler feierten gemeinsam die Ergebnisse. Ich glaube, diese Wertschätzung war mindestens genauso wichtig wie die Projekte selbst.

Wir waren auch Gastfamilie und trafen uns mit anderen Gastfamilien zum Grillen. Alle versuchten Englisch zu sprechen. Mal besser, mal schlechter. Aber das spielte überhaupt keine Rolle. Es entstanden Gespräche, Freundschaften und wunderschöne Abende. Als die Studierenden abreisten, lagen kleine Karten, Gastgeschenke und liebe Nachrichten auf dem Tisch. Viele Gastfamilien schrieben uns, wie bereichernd diese Erfahrung gewesen sei.

Und dann kam zum Abschluss noch der Skate-Contest. Bei über 40 Grad. Eigentlich verrückt. Aber auch dort passierte wieder genau das Gleiche. Menschen kamen zusammen. Skaterinnen und Skater, BMX-Fahrer, Jugendliche, Familien, Ehrenamtliche, Vereine, Unternehmen und Unterstützer. Da standen Menschen, die sich vorher nie begegnet waren, gemeinsam am Rand der Rampen und feuerten sich gegenseitig an. Ich habe an diesem Tag unglaublich viele coole Menschen erlebt und das hier in Ballenstedt. Menschen, die einfach machen.

Und genau das war wohl das beste Geschenk dieser Woche – die Gemeinschaft. Rene und sein Team im Schlosstheater. Detlef und seine Kamera, die uns auf Schritt und Tritt begleitete. Die Jungs vom Feinkost Club, die den Kids ganz selbstverständlich einen Nachtclub überliessen. Katja und das Team vom Kulturhaus Badeborn – 24/7 immer gut gelaunt. Unser Pfarrer, der uns die Kirche in Opperode als Probenraum nutzen lässt. Die Gastfamilien. Die Freiwilligen. Die Menschen hinter den Kulissen. Die vielen Helferinnen und Helfer, die gespült, aufgebaut, gekocht, gefahren, aufgeräumt, geputzt, organisiert und improvisiert haben. Nie hatte ich das Gefühl, dass jemand fragte: Was habe ich davon?
Ein Satz ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Patrick, der den Skate-Contest moderierte, sagte sinngemäß: So etwas kann nur entstehen, wenn man eine lokale Gemeinschaft hat. Ich glaube, genau das beschreibt diese Woche. Nicht einzelne Heldinnen oder Helden haben sie möglich gemacht. Sondern Vertrauen. Menschen, die sich kennen. Menschen, die sich zuhören. Menschen, die Fehler verzeihen. Menschen, die nicht zuerst an Zuständigkeiten denken, sondern daran, wie etwas gelingen kann. Und genau das ist genau der eigentliche Zauber unserer Arbeit. Dass wir Räume schaffen, in denen Begegnung wichtiger wird als Perfektion.
Und damit bleibt vor allem eines: Dankbarkeit.
Eure Frau Richter