Eine persönliche Momentaufnahme von Anneke
Manchmal gibt es Zeiten, in denen so viel gleichzeitig passiert, dass man kaum hinterherkommt, das eigene Leben zu sortieren. Die vergangenen sechs Monate gehören definitiv dazu.
Da ist es gerade beruflich bei mir erstaunlich ruhig. Vielleicht sogar angenehm unspektakulär. Ich habe meinen Frieden damit gemacht, dass Arbeit nicht immer der Ort sein muss, an dem die großen Dinge passieren. Manchmal darf sie einfach Arbeit sein. Die Dinge sortieren sich, Rollen finden sich neu, manches wird einfacher. Und das ist gerade völlig in Ordnung. Denn an anderer Stelle reicht es mit den großen Dingen vollkommen.
Was in den vergangenen Monaten rund um heimatBEWEGEN passiert ist, kann ich noch immer nicht richtig begreifen: Angefangen hat es im März mit einem Anruf aus Berlin. Ob wir zu einem Workshop kommen würden. Dort wollten sich Kulturschaffende gemeinsam mit uns Gedanken darüber machen, wie man zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren in Sachsen-Anhalt den Rücken stärken kann. Damals fiel irgendwann der Name Herbert Grönemeyer. Wir fanden allein das schon ziemlich verrückt.
Was daraus entstehen würde, konnten wir nicht ahnen. Aus einem ersten Treffen wurden Gespräche. Aus Gesprächen wurden Ideen. Und irgendwann wurden daraus eine #GemeinsameSache. Es ist einfach passiert. Im Mai kamen Herbert, Josefine, Nicole, Matthias, Henrike, Michael und das Team schließlich aus der Großstadtblase für mehrere Tage zu uns nach Ballenstedt. Sie besuchten unsere Chöre, trafen Kinder und Jugendliche, liefen mit uns über die Allee, auf der beim Ehrentag gerade 1.000 Meter Kunst entstanden, kamen mit engagierten Menschen aus unserer Stadt ins Gespräch und nahmen sich vor allem eines: Zeit zum Zuhören. Auf Gut Ziegenberg sprachen wir bei Lasst uns reden – woher wir kommen über Herkunft, Prägungen, Unterschiede und das, was uns miteinander verbindet. Es waren Tage voller Begegnungen, Gespräche und Musik – und irgendwo mittendrin entstand auch die Idee, die Chöre noch einmal zusammenzubringen.
Während wir anschließend in unseren Ballenstedter Sommer starteten, zog die #GemeinsameSache weiter durch Sachsen-Anhalt. Das Team besuchte weitere Chöre und Menschen unter anderem in Halberstadt, Gröningen, Wernigerode und Dessau – und im Hintergrund nahm langsam auch die Idee für einen gemeinsamen Abend im Magdeburger Dom Gestalt an.
Völlig beseelt von diesen Tagen sind auch wir einfach weitergelaufen. Skate-Contest, internationale Summer School, Trash-to-Fashion, Error Music AG, Ferienwerkstätten. Es war einer dieser Sommer, in denen man irgendwann nicht mehr genau weiß, welcher Wochentag eigentlich ist. Und eigentlich dachten wir: Mehr kann dieser Sommer jetzt wirklich nicht mehr bereithalten.
Und dann kam eine weitere Einladung nach Berlin. Vor zwei Wochen besuchten Nici und ich dann Herbert Grönemeyer in seinem Studio, um gemeinsam ein Interview für die Deutsche Presse-Agentur zu geben und Fotos zu machen. Kurz darauf fanden wir uns in der Süddeutschen, der FAZ, der ZEIT, ja ganz und gar bei Reuters und noch dazu auf unzähligen anderen Nachrichtenseiten wieder und gaben Radiointerviews.

Eine Woche später dann im Magdeburger Dom: Mehr als 400 Sängerinnen und Sänger aus ganz Sachsen-Anhalt. Und mittendrin: Wir und unsere Chöre aus Ballenstedt. Das war für uns ein ziemlich krasser Moment. Wir hatten noch die Bilder vom Mai im Kopf: die Probe in der Schule, die Begegnungen und das gemeinsame Singen. Und nun saßen wir wenige Monate später im Magdeburger Dom und hörten die Stimmen aus unserem kleinen Ort gemeinsam mit Hunderten anderen durch diesen riesigen Raum tragen.
Mal erfüllten mehr als 400 Stimmen gemeinsam den Dom, mal gehörte der Raum einzelnen Chören. Und spätestens bei Durch den Monsun passierte etwas mit diesem riesigen Raum. Die Stimmen kamen aus den Seitenschiffen, breiteten sich aus, wurden größer und größer – weich, vielstimmig und unglaublich kraftvoll. Und wir saßen da und wussten: Da sind auch unsere Stimmen aus Ballenstedt dabei.

Ich war in diesem Moment einfach wahnsinnig stolz. Auf den Männerchor Opperode. Auf die jungen Sängerinnen und Sänger des Wolterstorff-Gymnasiums. Und natürlich auch auf meine Heimat. Darauf, dass Menschen aus unserer kleinen Stadt plötzlich Teil von etwas waren, das weit über unseren Ort hinausging – und trotzdem genau von dem erzählte, was wir hier immer wieder erleben: Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen tatsächlich etwas miteinander tun. Das sind diese Momente, in denen ich kurz von außen auf mein eigenes Leben schaue und denke: Wie bitte sind wir eigentlich hier gelandet?
Kurz zuvor durften wir mit Menschen unterwegs sein, die große Stiftungen und philanthropische Organisationen vertreten. Menschen, die über gesellschaftliche Veränderungen, Demokratie, Gemeinwohl und darüber nachdenken, wie Engagement langfristig gestärkt werden kann. Und auch für heimatBEWEGEN öffnen sich plötzlich Türen, von denen wir vor einem halben Jahr nicht einmal wussten, dass sie existieren.

Gleichzeitig passieren all diese wunderbaren Dinge in einer Zeit, die sich gesellschaftlich ganz und gar nicht wunderbar anfühlt: Der Ton wird rauer. Menschen werden aggressiver. Dinge werden inzwischen laut ausgesprochen, die vor einigen Jahren vielleicht wenigstens noch mit einem Rest Scham verbunden gewesen wären. Hass und Menschenverachtung treten selbstbewusster auf. Gesinnungen werden offen zur Schau getragen. Der Hass droht gesellschaftsfähig zu werden.
Und deshalb bekommen all diese Begegnungen und das, was wir gerade erleben, noch einmal eine andere Bedeutung. Denn wenn ich auf unsere Arbeit bei heimatBEWEGEN schaue, denke ich immer öfter: Natürlich können wir die Welt nicht retten. Aber vielleicht können wir dafür sorgen, dass sie an den Orten, an denen wir leben, nicht einfach kippt.
Vielleicht haben wir mit dem, was in den vergangenen Monaten in Ballenstedt passiert ist, wenigstens hier ein kleines Zeichen setzen können. Vielleicht können Begegnungen tatsächlich etwas verändern. Und vielleicht hilft es, Menschen zusammenzubringen, miteinander zu reden, gemeinsam zu singen, zu streiten und zu gestalten. Manchmal denke ich: Vielleicht werden wir ja tatsächlich so etwas wie ein kleines gallisches Dorf.
Und dann gibt es neben all dem noch das ganz normale Leben: Das, das keine Pressemitteilung bekommt. Dort gibt es gerade Sorgen. Menschen, um die ich mir Gedanken mache. Situationen, für die es keine schnelle Lösung gibt. Momente, in denen ich gern helfen würde und feststellen muss, dass meine Möglichkeiten begrenzt sind. Verantwortung, die sich manchmal ziemlich schwer anfühlt. Und bestimmt ist es dieser Kontrast, der mich gerade so beschäftigt: An einem Tag steht man in einem Dom und kann kaum fassen, was gerade passiert. Am nächsten sitzt man am Küchentisch und versucht, Dinge zusammenzuhalten, die sich nicht einfach zusammenhalten lassen. Auf der einen Seite das Gefühl: Wir können wirklich etwas bewegen. Auf der anderen: Manche Dinge kann ich überhaupt nicht bewegen.
Vielleicht ist das überhaupt eine ziemlich gute Beschreibung für das Leben. Nur dass die Ausschläge gerade ungewöhnlich groß sind. Sehr weit oben. Und manchmal ziemlich weit unten. Dazwischen kaum Zeit, um überhaupt zu begreifen, was gerade passiert.
Deshalb ist das hier auch gar keine Geschichte mit einer großen Erkenntnis am Ende. Es ist einfach eine Momentaufnahme. Von einer Zeit, in der sich Türen öffnen und gleichzeitig manches schwer auf den Schultern liegt. Von Euphorie und Erschöpfung. Von Zuversicht und Sorge. Von dem Gefühl, die Welt ein kleines bisschen verändern zu können – und der Erfahrung, dass man manchmal schon genug damit zu tun hat, im eigenen kleinen Kosmos nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und wahrscheinlich gehört genau das zusammen. Die großen Momente und das kleine Durchhalten. Das Außergewöhnliche und der ganz normale Alltag. Und das Leben irgendwo dazwischen.
Und bei all dem bleibt vor allem eines: eine große Dankbarkeit.
Wir danken allen von ganzem Herzen für diese unfassbare und wunderschöne Reise der vergangenen Monate. Für Begegnungen, die wir nicht planen konnten. Für Türen, von denen wir nicht wussten, dass sie sich einmal für uns öffnen würden. Für Menschen, die uns zugehört, uns mitgenommen, uns vertraut und uns manchmal einfach in den Arm genommen haben.
Es war Abenteuer, Bauchkribbeln, Glitzer und Balsam für die Seele. Es gab Momente, die sich nach tiefer Erfüllung angefühlt haben – und andere, in denen wir einfach nur staunend und ziemlich demütig dastanden und uns gefragt haben, womit wir das eigentlich verdient haben. Wir bleiben zurück mit wunderbaren Erinnerungen, großer Dankbarkeit und sicher auch mit dem einen oder anderen wehmütigen Tränchen im Auge.
Und mit dem Gefühl, dass es am Ende immer wieder die Menschen sind, die einen Ort zu dem machen, was er ist.
Ohne Euch wäre diese Stadt nur halb so schön!